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Ein Recht auf ein aufgeschlagenes Knie

Warum es sinnvoll ist, Kinder auch mal Risiken eingehen zu lassen und sie nicht vor allem und jedem zu beschützen. Ein Plädoyer

 

Zu hoch oben. Einfach mal auf einen wilden Baum klettern? Lieber nicht, wir haben doch ein kesseldruckimprägniertes Klettergerüst mit TÜV-Plakette. So denken viele Eltern heute.

Unsere Tochter (14) wollte auf unserem Dach sitzend einen Sonnenaufgang erleben. Ich habe geschluckt. Sie war schon das eine oder andere Mal auf unserem Dach, weil sie dort am besten nachdenken kann. Aber im Morgengrauen? Ohne dass ich an der Dachluke stehe und das Kissen reiche, das sie sich auf den Tritt für den Schornsteinfeger legt? Im Dunkeln, in der Kälte? Womöglich ist es windig. Womöglich fällt die Dachluke zu und versperrt ihr die sichere Rückkehr. Es wäre mir lieber, sie würde um die Zeit sicher und warm in ihrem Bett liegen.

Aber dann fielen mir die Kinder-Grundrechte des polnischen Arztes und Pädagogen Janusz Korczak ein: 1. Das Recht des Kindes auf seinen Tod. 2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag. 3. Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist (Janusz Korczak: Wie man ein Kind lieben soll. Göttingen 1967).

Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod – „das ist krass“, würde unsere Tochter sagen. Und in uns Eltern sträubt sich alles dagegen. Vielleicht kann man es runterbrechen auf das Recht darauf, mal ein aufgeschlagenes Knie zu erleben, und wie es wieder heilt, das Recht, Angst zu spüren und sie selbst zu überwinden, das Recht auf eigenes Risiko, auf eigene Fehler, auf Lebendigkeit.

Wir Eltern wollen unser Kind schützen. Ein Albtraum, sollte ihm etwas zustoßen und wir müssten uns selber Vorwürfe machen. Niemand will, dass so eine „Aktenzeichen xy ... ungelöst“-Welt über einen hereinbricht. In der Zeitung sehen wir die Kinderschänder-Meldung und beten innerlich die Statistiken runter, die beweisen, das so etwas rückläufig ist. Wir nötigen unseren Schulkindern Fahrradhelme auf, klappern alle U-Untersuchungen beim Kinderarzt ab, zerstreiten uns mit der Freundin über die Notwendigkeit von Impfungen, nehmen den Kleinen die Messer aus der Hand, den Großen die Zigaretten aus der Jacke.

Viele von uns fahren den Nachwuchs mit dem Auto bis zum Schultor, manche mögen erst gehen, wenn sie ihr Kind bis in den Klassenraum gebracht haben. Natürlich ist das übertrieben. Aber mancher kann sich wahrscheinlich leichter verabschieden, wenn er oder sie das Kind wenigstens sicher an Ort und Stelle abgeliefert hat.

Die Tatsache, dass immer mehr Kinder immer länger in Kitas oder Schulen betreut werden, führt auch zu mehr Reglementierung. Je mehr Kinder unter Fremdaufsicht stehen, desto mehr werden sie überwacht. Ist ja logisch. Da gibt es genaue Vorschriften, festgelegte Pflichtverletzungen, die einen Haftungsausschluss nach sich ziehen könnten. Außerdem bin ich um ein fremdes Kind ängstlicher besorgt als um das eigene, weil ich es nicht gut kenne und nicht weiß, was ich ihm zutrauen kann. Einfach mal auf einen wilden Baum klettern? Lieber nicht, wir haben doch ein kesseldruckimprägniertes Klettergerüst mit TÜV-Plakette. Schneeballschlacht auf dem Schulhof ? Ausgeschlossen. Die Fälle, wo sich ein Kind verletzte, weil in dem Schneeball ein Stein enthalten war, sind hinreichend dokumentiert.

Schwerer zu fassen ist dagegen der schleichende Verlust an Lebendigkeit, den unsere Kinder erleiden, weil Eltern immer mehr meinen, sie vor körperlichen Gefahren, vor anderen Kindern, vor Menschen überhaupt und vermeintlicher Ungerechtigkeit schützen zu müssen. Noch einmal Korczak in all seiner Drastik: „Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben.“

Kein Wunder, dass Kinder und Jugendliche in Minecraft-Welten flüchten. Endlich mal irgendwo sein, wohin wir ihnen nicht folgen können. Und da sie – zumindest äußerlich unversehrt – mit ihrer Internetwelt auf unserem Sofa oder in ihrem Bett hocken, brauchen sie auch unsere Handyanrufe, unsere WhatsApp-Notrufe („Wo steckst du gerade?“– „Wo bleibst du so lange?“) nicht zu fürchten.

Als meine Mutter Kind war, hat meine Oma sie mit dem kleinen Bruder zur Schule geschickt, weil sie im eigenen Schuhmacherladen stehen musste und keine Zeit hatte, den Jungen selbst dort anzumelden. Den ganzen Weg hat meine Mutter das Geburtsdatum ihres Bruder vor sich hin gemurmelt. Die Zahlen hatte man ihr eingeschärft: „Sechster siebter siebenunddreißig, sechster siebter sie- benunddreißig, sechster siebter siebenunddreißig …“Das kleine Mädchen von einst hat es geschafft und erzählt noch heute davon. So eine Zumutung enthält ein großes Zutrauen. Das macht stark.

Vor zwei Jahren geriet die Amerikanerin Lenore Skenazy weltweit in die Schlagzeilen, weil sie und ihr Mann ihrem neunjährigen Sohn erlaubt hatten, allein in New York mit der U-Bahn nach Hause zu fahren. „Er hatte sich gewünscht“, so Lenore Skenazy in einem Interview mit dem „Spiegel“, „ohne Hilfe den Weg zu uns nach Hause zu finden. Das war für ihn ein großes Abenteuer. Wir fahren regelmäßig U-Bahn, mein Sohn konnte sich schon sehr gut orientieren. Also dachten mein Mann und ich: Wenn der Junge sich das zutraut, dann trauen wir es ihm auch zu. Wir gaben ihm eine Fahrkarte, Kleingeld zum Telefonieren und 20 Dollar für ein Notfall-Taxi.“

Unter dem Eindruck dieses Interviews hat mein Mann zugestimmt, dass unsere Tochter (14) an einem Samstag zusammen mit ihrer Freundin und einigen Mitschülern eine Tagesreise mit dem Fernbus unternimmt. Und ich habe ihr ein Kissen und eine Decke an die Holzleiter zur Dachluke gelegt für ihr Sonnenaufgangserlebnis. Unterstützen Sie Ihre Kinder dabei, eigene Kräfte zu entdecken und auch mal Risiken einzugehen.

Jugendliche flüchten in virtuelle Welten wie Minecraft.

 

(Quelle:   Der Tagesspiegel    22 Nov 2017           Von Uta Allgaier)

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